Drunter oder drüber?

johannstocker, 23. August 2009 | Allgemein, Politik, S 37 offiziell, Transit

Wie lebt man an einer Transitautobahn?

Ob drunten in Eisentratten oder oben auf dem Bergbauernhof, Vergnügen kann es keines sein. Als Bezugspunkt ist die Tauernautobahn gemeint. Wie ein Ungeheuer auf Stelzen wälzt sie sich durch das wunderschöne Gebirgstal. Die Menschen haben sich arrangiert – zumindest erzählt man das den Besuchern. Wer würde schon die Heimat einem Fremden gegenüber schlecht darstellen?

Von diesem Gefühl würde etwas zurückbleiben, wenn der Fremde das Weite sucht. Wozu also die Aufregung? Die Bilder sprechen eine deutliche Sprache, was politisch Verantwortliche in den 80er Jahren  der Bevölkerung entlang der Tauernautobahn abverlangt  haben. Viele wird es nicht geben,  die sich heute noch der Verantwortung stellen. Die Frage ob dieses Schicksal unabwendbar war, werden sich in regelmäßigen Abständen zukünftige Generationen stellen – Bis man wieder Frieden geschlossen hat mit dem Bauwerk.

Kleine Sonnenfinsternis zur Mittagszeit

Ein Bewohner von Eisentratten, den ich zufällig am Platz vor der Kirche getroffen habe,  vermittelt dieses Gefühl. Die Eisentrattener sind eben wie  Clochards – sie leben unter der Brücke. Vom Straßenlärm merkt man kaum etwas. Das gigantische Bauwerk, das einen Fremden befremdet, wenn nicht sogar beängstigt, ist bis zu 90 Meter hoch. Die Brücke dominiert den Blick Richtung Süden. Im Herbst und im Frühling gibt es Tage, an denen  die Brücke um die Mittagszeit die Sonne verdeckt. Dann wird es schattig für ein bis zwei Stunden. Dieses Schauspiel dauert allerdings nur wenige Tage.

Fürchtet euch nicht?

Von der Schneeräumung im Winter merkt man nichts. Der Schnee wird gefräst und gleich abtransportiert, alles andere wäre zu gefährlich. Die Lärmschutzwände sind an dieser Stelle auch nicht so hoch. Weiter oben Richtung Rennweg sind sie immerhin fünf Meter.  Auf die Frage ob er ein Wirtschaftstreibender ist, ob soviel Verständnis für die Autobahn, bekomme ich eine erfrischende Antwort: „Gewissermaßen ja! Mein Betrieb steht gleich da hinten“, und zeigt auf  die Kirche.  Mit dem Pfarrer von Eisentratten habe ich also das Vergnügen.
Wo der neugierige Fremde  denn herkommt will der Pfarrer wissen. „Aus einem Gebiet, das auch eine Autobahn bekommen soll, aus Scheifling“, war meine Antwort. Die Gegend um Scheifling kennt der Pfarrer sehr gut, und vermittelt auch hier das Gefühl: „Fürchtet euch nicht!“ Die Botschaft hört´ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube, denke ich mir und fahre weiter Richtung Süden.

Mensch und Natur

Ein paar Kilometer weiter kommt die  Autobahn sehr nahe an die alte Katschberg-Bundesstraße. An ihrer Unterseite ist eine massive Stahlkonstruktion erkennbar,  die vor wenigen Jahren nachgegeben hatte, was eine Sperre der Autobahn zur Folge hatte. Nach umfangreichen Reparaturen wurde die A10 wieder freigegeben. Die Kunstfertigkeit der Bauingenieure  hat die Autobahn gerettet.  Trotzdem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier der Mensch  gegen die Natur kämpft. „Mensch und Natur im Einklang“ sieht jedenfalls anders aus.

Johann Stocker
Bürgerinitiative S37NeinDanke Scheifling
8811 Scheifling
s37neindanke@aon.at


 
 
 

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben