Über zerstörte regionale Strukturen…

Webmaster, 19. Dezember 2008 | Allgemein, Pressespiegel

…und die Empfindlichkeit unserer Gesellschaft

aus Kleine Zeitung 19. Dezember 2008 | GERHARD LEEB

Der Schnee hat keine Schuld. Eineinhalb Meter Schnee und 16 stromlose Stunden haben die Versäumnisse der letzten Jahre aufgezeigt.

Der Schneefall der letzten Tage bei uns im Gailtal hat einmal mehr die Versäumnisse der Politik in den letzten Jahren offenbart. Aber auch das fehlende Bewusstsein der Menschen im Tal und im Land für die Wichtigkeit der Dorfgasthäuser, Postämter oder Nahversorger! Drei Tage Schlechtwetter, eineinhalb Meter Schnee, 16 Stunden stromlos, schulfrei für die Kinder – das sollte bei funktionierenden regionalen Strukturen kein Problem sein. Und genau hier liegt „der Hund begraben!“

Wenn Lebensmittel hunderte Kilometer durch die Landschaft gekarrt werden müssen, wenn Zentralheizungen (auch Öl, Pellets oder Hackschnitzel) nur mehr mit einem Chip – und daher nur mit Strom funktionieren –, wenn fehlende Arbeitsplätze im „ländlichen Raum“ zigtausende Menschen zum Pendeln zwingen und der Einkauf von Nahrungsmitteln, die Aufgabe von Briefen oder der Besuch beim Arzt zu Fuß nicht mehr möglich ist, dann wird das Wort „Lebensqualität“ zum Hohn für die Betroffenen.

Wahlen werden in den Städten gewonnen! Dort erreicht der Politiker mit einem Plakat hundert Mal mehr Menschen als am Land. Das ist die Motivation für alle Aktivitäten zur Erweiterung der Ballungsräume. Auch wenn diese Ballungsräume längst im Verkehr ersticken oder während der Nachtstunden zu einem gefährlichen Pflaster geworden sind.

Aber ganz aus der Verantwortung „schleichen“ können sich auch die Landbewohner nicht. Sie haben beim Nachhausefahren vom Arbeitsplatz noch schnell in der Stadt eingekauft und dadurch das Greißlersterben mit verantwortet. Sie haben, auf Grund ursprünglich niedriger Ölpreise, kaum noch öffentliche Verkehrssysteme benutzt und damit den Rückzug von Bahn und Bus gefördert.

Sie haben deutsche Milch und irische Butter (die übrigens nur 20 Cent weniger kostet als die Bio-Butter aus Spittal) und chinesischen Knoblauch gekauft und damit Bauern in Zwangslagen gebracht und den Transitverkehr indirekt gefördert.

Eineinhalb Meter Schnee und 16 stromlose Stunden haben schonungslos unsere Schwächen und die Versäumnisse der letzten Jahre aufgezeigt! Ein halber Meter mehr auf ganz Österreich verteilt und innerhalb von 24 Stunden bricht die Versorgung zusammen, die Regale in vielen Supermärkten können nicht mehr nachgefüllt werden. Und kein bedürftiger Kärntner kann nach Klagenfurt fahren, um vom Lehrling des verstorbenen Landeshauptmannes großzügig einen Hunderter in die Hand gedrückt zu bekommen.

Wenn wir uns ansehen, was die so genannten „normalen“ Leute aus diesem Land gemacht haben, dann wäre es eigentlich an der Zeit, dass andere zu Wort kommen!
 

Gerhard Leeb arbeitet als Journalist und Verleger in der Gemeinde Hohenthurn

 
 
 

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