Lärm und Verkehr

Webmaster, 22. Oktober 2008 | Gesundheit

Dr. Dieter Michael Schmidt, Referat für Umweltmedizin
Oktober 2008

Lärm macht krank!

Der Gesundheitsgefährdung durch Lärm jeglicher Art sollten wir energischer als bisher entgegentreten. Die lärmbedingte Schwerhörigkeit ist noch immer eine der häufigsten anerkannten Berufskrankheiten. Dabei gehen die gesetzlichen Pegelgrenzwerte von einer Erholungsphase des Gehörs aus, die zu Hause oder in der Freizeit stattfinden könnte. Was aber, wenn ein lärmgeplagter Arbeiter dort auch keine Ruhe findet?

Gesundheitliche Schädigung beginnt bei 35 db(A)

Aus 35 Primärstudien zu den Auswirkungen des Lärms auf den Schlaf ergeben sich: Verkürzung der Gesamtschlafzeit, Verlängerung der Einschlafdauer und Verkürzung des Tiefschlafs. Die Herzfrequenz steigt bei erhöhtem Dauerschallpegel und bei einzelnen Lärmereignissen wie LKW-Fahrt oder Überflug an. Die so festgestellten Schwellen liegen bei einem äquivalenten Dauerschallpegel von 35 – 45 dB(A) und einem Maximalpegel von 45 – 55 dB(A) am Ohr des Schläfers. Die Effektschwellen für Sofortreaktionen, vor allem Aufwachreaktionen, liegen bei 60 – 70 dB(A). Es gibt allerdings ausgeprägte inter- und intraindividuelle Schwankungen.

Die Berliner Verkehrslärmstudie

Die in Berlin durchgeführte Verkehrslärmstudie war eine bevölkerungsbezogene Fall-Kontroll-Studie. Probanden waren Männer zwischen 31 und 70 Jahren. Über den Zeitraum eines Jahres wurden in 17 größeren Krankenhäusern des damaligen West-Berlin alle Überlebenden eines akuten Herzinfarkts erfasst. In die Untersuchung einbezogen wurden 645 deutsche Infarktpatienten, die den Einschlusskriterien (ICD 410) genügten, seit mindestens 15 Jahren in Berlin lebten und einer Befragung zustimmten. Die Teilnahmequote betrug 91%. Etwa 10% aller überlebenden Infarktpatienten in Berlin, d.h. aller nicht letal verlaufenen Herzinfarktfälle auf Intensivstationen (Grundpopulation), konnten nicht identifiziert werden.
Die Studie war annähernd repräsentativ, d.h. das Kontrollkollektiv war eine 1%-Zufallsstichprobe von West- Berliner Männern, die aus dem Einwohnermelderegister gezogen wurden und die dieselbe Altersverteilung wie die Infarktpatienten hatten. Von den insgesamt erfassten Männern nahmen 64% an einer schriftlichen Befragung teil, 3390 Männer genügten den Einschlusskriterien, d.h. für sie konnte die Verkehrslärmexposition der letzten 15 Jahre ermittelt werden. Zur Berücksichtigung von Wohnungswechseln wurde retrospektiv der Lärmpegel verschiedener Wohnadressen (gewichtet nach der Wohndauer) gemittelt, um einen mittleren Lärmexpositionsparameter für 15 Jahre zu erhalten. Daneben wurde auch die Untergruppe berücksichtigt, die während 15 Jahren nicht umgezogen war (etwa 60%). Zur Kontrolle möglicher Störvariablen wurden Alter, Sozialstatus, Arbeitsstatus, Rauchen, relatives Körpergewicht, Familienstatus, Schichtarbeit und Wohngegend (innere bzw. äußere Stadtbezirke) erfaßt.
In Berlin begann der verkehrsbedingte Anstieg der Herzinfarkte bei mittleren Außenpegeln am Tage von Lm = 71-75 dB(A) mit 10% und erreichte 50% bei Lm = 76-80 dB(A). Diese Ergebnisse waren nicht signifikant. Bei Betrachtung lediglich der Personen ohne Wohnungswechsel innerhalb der vorangegangenen 15 Jahren ergab sich ein Anstieg der Inzidenz von 20% bei Lm = 71-75 dB(A) und von 70% bei Lm = 76-80 dB(A). Bei Kombination dieser beiden Lärmkategorien ergab sich ein Anstieg der Herzinfarkte von 30% bei Straßenverkehrslärmpegeln (außen) von Lm >70 dB(A). Dieses Ergebnis war grenzwertig signifikant (p < 0,10).
Langjährige Einwirkung von Dauerschallpegeln über 85 dB/A – langjährig heißt innerhalb der Arbeitszeit von 40 Stunden pro Woche, nach bereits zwei bis fünf Jahren – führt eindeutig zu Schwerhörigkeit. Die Hörzellen des Innenohrs verbrauchen zuviel Energie, der Nachschub an Nahrung ist nicht mehr gewährleistet.

Lärm erzeugt Stress

Da weiters die extra-auralen Lärmwirkungen bereits allgemein wissenschaftlich anerkannt sind, seien diese hier nochmals aufgezählt:
Anstieg des Muskeltonus und des Blutdrucks; Abnahme des elektrischen Hautwiderstands, der Hauttemperatur und der Fingerpulsamplitude; erhöhte Konzentrationen von Katecholaminen und anderen Streßhormonen in Blut und Urinproben.
Aus präventivmedizinischer Sicht ist eine Unterschreitung des Mittelungspegel-Kriteriums und des Maximalpegel-Kriteriums von 45 – 55 dB/A anzustreben.
 
 
 

Ein Kommentar zu “Lärm und Verkehr”

  1. am 18. Januar 2010 um 15:42 1.JosephL schrieb …

    Hallo! Das Thema finde ich besonders wichtig und ich hoffe, dass mehr Menschen die Möglichkeit haben, diesen nützlichen Artikel zu lesen! Grüße! Joseph

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